Pressemitteilung
Nr. 1/2018
13.06.2018

 

Der Arbeitskreis „Marginalisierte – gestern und heute!“ und der Verein extramural e.V. erklären angesichts der achtzigjährigen Wiederkehr der Aktion „Arbeitsscheu Reich“: 

Heute am 13.06.2018 laden wir Alle zu 18:00 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung beim Rummelsburger Arbeitshaus ein



Wir erinnern und gedenken den Verfolgten der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ (ASR) vor 80 Jahren. In der Aktion „ASR“ vom 21.-30.04. 1938 wurden bis zu 2.000 Männer durch die Gestapo aufgegriffen; von der Kriminalpolizei in der Juni Aktion vom 13.-18.06.1938 mehr als 9.000 Männer verhaftet, dar. 2.300 Juden. Die jüdischen Männer waren in den KZs Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen besonders brutalen Schikanen ausgesetzt. Bis heute unklar ist, wie viele Menschen durch die Zuschreibungen ihr Leben ließen.

Grundlage der Aktion war der Erlass zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung vom 14.12.1937, der als Maßnahmenkatalog zur Überwachung von angeblichen und potenziellen (Wiederholungs-) Straftätern sowie zum Terror gegen politisch und anderweitig unliebsame Personen galt. Die polizeiliche Vorbeugehaft wurde auf sogenannte Asoziale erweitert, die ab Mitte 1941 direkt auf die „Ausmerze“ verlagert wurde, da sie wegen vermeintlich erblicher Veranlagung zu „gesellschaftlich schädlichem Verhalten“ neigten, nicht den Merkmalen eines „gesunden Volkskörpers“ entsprachen.

Der Aktion „ASR“ fielen Menschen zum Opfer, die bereits dreimal ein halbes Jahr in Haft waren, die in Sicherheitsverwahrung waren, die nie in Haft waren, sich aber gegen staatliche Entscheidungen wehrten. Auch wurden als Juden Verfolgte wegen angeblicher Devisenvergehen verhaftet sowie unangepasste Menschen, die die Normative der NS-Herrschaft nicht internalisierten.

„Nach der Rassenlehre der deutschen Faschisten galt die Familie als ‚biologische Zelle des Vol-kes‘, durch die eine ‚Aufartung‘ der ‚arischen Rasse‘ erfolgen sollte. Alle Krankheiten, andere körperliche oder psychische Erscheinungen würden durch Blut und Gene verursacht. Das Auftreten in einer Familie stigmatisierte gleich alle Familienmitglieder als ‚unwert‘', erschwerte oder verhinderte z. B. Eheschließungen.“1 Das am 14.07.1933 verkündete „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ sah die Sterilisierung bei angeblichem Schwachsinn, „Schizophrenie“, „manisch-depressivem Irresein“, „erblicher Fallsucht“, „Veitstanz“, „erblichem Blindsein“, „Taubheit“, „schwerer körperlicher Missbildung“ sowie offener TBC vor.

Diese sozialrassistischen Regeln wurden nach 1938 gegen Jugendliche, Kinder, Künstler, psychisch beschädigte Soldaten und Angehörige der Polizeiorgane, ausgeweitet. Besonders auffällig wandten sich die Aktionen gegen missliebige Frauen bis zum Kriegsende aus: Sie wurden wegen geschlechtsspezifischer, angeblicher gemeinschaftswidriger Anlässe verfolgt: Verdacht bzw. Vorwurf der Prostitution, Geschlechtskrankheiten, „sexuelle Hemmungslosigkeit“, „gefährdetes Mädchen“, „liederlicher Lebenswandel“2 i.V.m. „Arbeitsverweigerung“ sowie „Rassenschande“. Dies traf unverheiratete Mütter und ihre „illegitimen“ Kinder. Solidarische Handlungen von Frauen und Männern gegenüber gleichaltrigen „Ostarbeitern“ oder „Kriegsgefangenen“ wurden unnachgiebig verfolgt, entweder mit einem Jahr verschärften Arbeits-lager oder KZ sanktioniert. Eine Folge davon war die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Fürsorgeheimen, wo sie als „asozial“ geltend gequält und überwiegend nicht gebildet wurden. Ein weiterer Teil von Menschen wurde zunächst in Arbeitshäuser verbracht, in denen über ihren Kopf hinweg Anträge zur Zwangssterilisierung gestellt wurden, die vorwiegend bei Frauen durchgeführt wurden.

 
Anne Allex (Arbeitskreis Marginalisierte - gestern und heute) 
Götz Renger (extramural e.V.)
 
 
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1 Kalkan, Dietrich: „Schwachsinn jeder Ursache“. Über die normierende Macht sozialpathologisierender Denkweisen, in: a.a.O, S. 161ff.

2 Schikorra, Christa: „Herumtreiberei“ und „liederlicher Lebenswandel“, in: a.a.O, S. 55